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Jan-Frederik Bandel :
Nachwörter
Zum poetischen Verfahren Hubert Fichtes
(Hubert-Fichte-Studien Bd. 7)

Aachen: Rimbaud 2008



Die Romane Hubert Fichtes lassen sich keineswegs eindeutig autobiografisch lesen. Fichte arbeitet programmatisch mit hybridem Material und ambigen Signalstrukturen, die eine eindeutig fiktionale und eine referentiell-autobiografische Lesart gleichermaßen verunmöglichen. Einerseits führt die autobiografische Lesart in einen biografistischen Zirkelschluss. Andererseits ist auffällig, in welchem Maße Fichte mit Materialien, Verweisen und anderen Textelementen arbeitet, die den Leser auf die Spur einer autobiografischen oder schlüsselliterarischen Lesart setzen, die aber niemals vollständig aufgeht. Fichtes Kunstfiguren sind vor diesem Hintergrund in ihrer Artifizialität und Komik zu begreifen, ohne dass eine (auto)biografische Referentialisierbarkeit gänzlich geleugnet werden kann.
Fichtes Literatur ist in höchstem Maße hybrid und durch eine komplexe Verweisstruktur gekennzeichnet. Die Brechung, Mehrfachdarstellung usw. bildet nicht nur die Prozesshaftigkeit der Erinnerung ab, sondern stellt einen Versuch dar, die grundsätzliche Problematik der Repräsentation des Selbst wie der Anderen und die starke perspektivische Zurichtung von Wahrnehmung lesbar zu machen.
Die dokumentarischen und ethnografischen Arbeiten Fichtes arbeiten mit einer Rhetorik des "Authentischen", reflektieren diese zugleich als solche und sind erst im Verweiskontext anderer Texte in ihrer ganzen Schärfe zu verstehen. Die Kritik des Exotismus bzw. der wahrnehmungsprägenden Projektionsmechanismen in der Begegnung und Darstellung Anderer wird mit dem
Grünspan-Roman und den Interviews aus dem Palais d'Amour zum Ausgangspunkt der literarischen Darstellung. Hier ist die Struktur der ethnografischen Darstellung bereits vorweggenommen. Die Konstruktion von Kunstfiguren im Interview wird stets reflektiert und somit zum Gegenstand der Gespräche selbst.
Die Kritik der Repräsentation wird durch eine Sprachkritik erweitert. Die Gewalttätigkeit der Sprache ist für Fichte unhintergehbar. Gegen diesen Befund setzt er eine Ästhetik der "Empfindlichkeit", die nicht zuletzt als eine Poetik sprachlicher Unreinheit zu verstehen ist. Auch die Interviewästhetik – als Kreuzung individueller Sprachformen - wird im Kontext dieser Sprachkritik entwickelt.
Fichtes autofiktionale Produktionsästhetik ist prozesshaft und zielt auf "Rückkopplungseffekte", d.h. nicht zuletzt auf die Transformation von biografischer Erfahrung in literarischen Text. Diese Transformation ist nie einseitig und linear als Textualisierung eines vergangenen Lebens zu begreifen, sondern zielt stets auf Effekte des Schreibprozesses im Alltag. Diese werden wiederum zum Gegenstand von Reflexion und komisch pointierter Darstellung, etwa in der Darstellung professioneller Deformation. Es handelt sich dabei nicht zuletzt um ein Verfahren, ästhetische Ordnungen und Erkenntnismomente im Alltag zu ermöglichen oder zu potenzieren.