Wintersemester 2016/17

Hochschule für Künste Bremen
Versuch einer Annäherung an eine Feldtheorie der Komik

Der Titel ist geklaut, von Robert Gernhardt nämlich, der als Komiker zugleich einer der klügsten Komikkritiker war. Weiter lässt sich von ihm die zentrale Frage des Seminars borgen: "Was gibt's denn da zu lachen?" Anhand komiktheoretischer Texte, aber auch von Bildwitzen, Komödien komischer Kunst, Musik, Literatur usw. soll sie möglichst vorläufig beantwortet werden, wobei die Diskussion sich nicht mit Referaten aufhalten braucht, sondern sich an kleinen praktischen Pointierungen orientieren wird.



Sommersemester 2016

Hochschule für Künste Bremen
Trivialmythen – Popkultur, Stereotyp, Theorie

In den 1960er Jahren entdecken Intellektuelle die Popkultur – seither sind Comics, Fernsehserien, Krimis, Popsongs und T-Shirts nicht mehr Comics, Fernsehserien, Krimis, Popsongs und T-Shirts, sondern moderne Märchen, Mythen, Reflexionen so ziemlich jedes Diskurses. Seitdem ist die Popkritik eine ehrenwerte Profession, und ihre Heroen wissen um ihr Superheldentum (Umberto Eco z.B. erzählt einmal die Anekdote, wie erstaunt die versammelten Geisteswissenschaftler betrachtet hätten, als er bei einer Tagung seine Superman-Sammlung auspackte – fast ein bisschen, scheint’s, als hätte er das Sakko abgeworfen und sich in den Mann aus Stahl verwandelt).
Das Seminar wird sich der Lektüre einiger zentraler Texte der Poptheorie widmen (Medienwissenschaft, Cultural Studies usw.), aber auch die Frage stellen, was sich mit ihnen praktisch anfangen lässt. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Frage nach dem Stereotyp, dem wichtigsten Instrument der Popkultur – und dem größten Problem ihrer Apologeten (siehe dazu nur die Diskussionen um "Charlie Hebdo", "Tintin" und das N-Wort im Kinderbuch).

Hochschule für Künste Bremen
Welt. Design. Katalog

"When I was young, there was an amazing publication called the Whole Earth Catalog, which was one of the bibles of my generation. It was created by a fellow named Stewart Brand … in Menlo Park, and he brought it to life with his poetic touch. This was in the late 1960’s, before personal computers and desktop publishing, so it was all made with typewriters, scissors, and Polaroid cameras. It was sort of like Google in paperback form, 35 years before Google came along: it was idealistic, and overflowing with neat tools and great notions." (Steve Jobs)
Die Vorlesung nimmt Steve Jobs beim Wort: Mit dem Whole Earth Catalog – diesem Jahr für Jahr wachsenden, bald vielhunderseitigen Warenkatalog der amerikanischen Hippie-Gegenkultur – als Suchmaschine von den 1960ern in die Gegenwart. Es wird um Netzwerke gehen, um das Internet, Kybernetik, Apokalyptik, Arbeitskleidung, um Publizieren in analogen und digitalen Zeiten und um architektonische Fantasien von der Holzhütte bis zum Futuro-Haus.

Wintersemester 2015/16

Hochschule für Künste Bremen
ATG meets OSP
In Zusammenarbeit mit Tania Prill

Es war ein nebliger Nachmittag, 168 Jahre vor Christus, im Schatten des Berges Olocrus. 38’000 römische Soldaten und 22 Elefanten mussten vor Sarissa den Rückzug antreten. Sarissa, die legendäre Speer-Erfindung Philipp des II, des Vaters von Alexander dem Grossen, war das Rückgrat der mazedonischen Armee, die Asien, Ägypten, Persien und den Nordwesten Indiens im Sturm eroberte. Doch hier, am Thermäischen Golf, endete der glorreiche Siegeszug. Dies nicht aufgrund Sarissas exzellenten Designs, sondern wegen des blinden Vertrauens der Soldaten in ihre Unbesiegbarkeit.
2183 Jahre später. Mit der Hilfe von OSP Kitchen aus Brüssel werden wir unter Einsatz eines digitalen Sarrissa die Publishing Szene erobern. Gemeinsam mit Sarah Magnan und Ludi Loiseau werden wir den Gebrauch und den Einfluss unserer Designwerkzeuge überdenken und mittels html2print / Open Source Software eine Publikation konzipieren und produzieren.
Be smart, take part.


Sommersemester 2015

Hochschule für Künste Bremen
Underground – Publikationsstragegien, Gestaltung und Ideologie 1965–1975

Im Vorfeld der Ausstellung "Unter dem Radar. Underground- und Selbstpublikationen 1965–1975", die im Herbst 2015 in der Weserburg zu sehen sein wird (Konzeption: Jan-Frederik Bandel, Annette Gilbert und Tania Prill), geht es in diesem Theorieseminar um die – gestalterischen, aber auch ästhetischen und politischen – Grundlagen von Selbst- und Undergroundpublikationen der Spätsechziger, Frühsiebziger: Was genau bedeutete Underground? Welche Rolle spielte das Vorbild der US-"Gegenkultur" mit ihrer Lifestyle-Revolte und ihren gestalterisch überbordenden Zeitungen und Zeitschriften? Welche Strukturen (Szene, Verlage, Vertrieb) entstanden unter dem Schlagwort "Alternativpressen"? Und wohin sind sie verschwunden? Wie sahen Bücher und Zeitschriften Ende der Sechziger überhaupt aus? Was hat das alles mit der Gegenwart zu tun, mit dem, was heute "Independent Publishing“"heißen soll, mit Selbstverlagen, Risographie usw.? Neben der Lektüre von heranführenden und historischen Texten wird es im Seminar auch um die Analyse von Publikationen, voraussichtlich auch um die Vorbereitung einer kleinen Publikation gehen.

Wintersemester 2014/15

Hochschule für Künste Bremen
Unter dem Radar. Übungen zu einer Ausstellung
In Zusammenarbeit mit Anna Lena von Helldorff und Tania Prill


In den 1960er, 1970er Jahren kommt es zu einem Boom von Underground- und Selbstpublikationen, der aus den USA auf Europa übergreift: Unzählige Klein-, Kleinst- und Selbstverlage sprießen aus dem Boden, Zeitschriften werden gegründet und verschwinden wieder, es bildet sich eine – auch politisch – rege diskutierende Szene. Hektografie, Mimeografie und Offsetdruck ermöglichen nicht nur den Druck kleiner Auflagen, sondern eröffnen gerade gestalterischen Amateuren völlig neue Möglichkeiten. Im Herbst 2015 wird an der Weserburg eine (von der HfK organisierte) Ausstellung die Produkte dieser ungemein produktiven Publikationsszene dokumentieren und damit auch eine Archäologie des heutigen DIY und Independent Publishing versuchen. Das Seminar klinkt sich in die Vorbereitung der Ausstellung ein, um verschiedenste Möglichkeiten durchzuspielen, Publikationen im Raum zu präsentieren, Bücherdisplays und Bildkonzepte zu entwickeln usw. Dabei stellt sich auch die Frage, ob mobile Elemente für die Ausstellung konstruiert werden können, für die weitere Standorte im Gespräch sind. Gleichzeitig wird es um eine Auseinandersetzung mit der spezifischen, oft wild dilettantischen Typografie des Underground gehen, um die Platzierung von Text im Raum sowie – in kurzen theoretischen Einlassungen – um das polit- und sozioästhetische Phänomen selbstbestimmter Veröffentlichungen. Die Veranstaltung umfasst neben dem praktischen Teil (Tania Prill) eingelassene theoretische Reflexionen (Jan-Frederik Bandel) sowie einen einwöchigen Workshop (Anna Lena von Helldorff).

Sommersemester 2014

Hochschule für Künste Bremen
Die ganze Welt. Ein Katalog
In Zusammenarbeit mit Anna Lena von Helldorff, Samuel Nyholm und Tania Prill

Warenkataloge sortieren Unmengen von Information: Fotos, Zeichnungen, Marken- und Produktnamen, Beschreibungen, Werbetexte, Preis- und Größeninformationen usw. Sie müssen diese Bestandteile so auf ihren vielen Seiten anordnen, dass kein Chaos entsteht, aber auch kein statisches Nebeneinander (obwohl gerade technische Spezialkataloge ihren ästhetischen Reiz aus der Wieder- und Wiederholung mit winzigen Differenzen ziehen, wenn sie Hunderte von Schrauben nebeneinandersetzen). Sie müssen aber auch verschiedenen Suchsystemen der Nutzer zugänglich sein: der gezielten, der vergleichenden, der unsystematisch blätternden usw. Sie müssen Dinge als Waren präsentieren, indem sie sie isolieren (etwa in der nostalgisch-ästhetisierenden Fotografie von Manufactum) – oder gerade, indem sie sie in einen Zusammenhang setzen (etwa die künstlichen Interieurs der Ikea-Kataloge). Sie erzählen Konsumgeschichten, weshalb alte Kataloge nicht nur zum beliebten Sammelstück von Nostalgikern werden, sondern auch zum Archiv für Kulturhistoriker. Und vor allem: Sie müssen immer wieder von Neuem Text und Bild arrangieren. Was bleibt, wenn man die Textelemente verschwinden lässt? Oder die Bilder?
Ausgangspunkt ist ein ganz besonderer Warenkatalog, nämlich der 1968 erschienene "Whole Earth Catalog" – diese großformatigen, bald über 400 Seiten starken Warenkataloge enthalten gewissermaßen das gesamte Wissen und Inventar der US-Hippie- oder Gegenkultur auf der Suche nach ökologischen, technischen und ganz alltäglichen (Konsum-)Alternativen: philosophische Bücher, DIY-Ratgeber, Mörser, Druckpressen, Tipis, Wanderschuhe, Leichtbauflugzeuge, Holzhütten, Schrauben und Computer. Wie wird aus dem Katalog ein Bekenntnis? Welche Geschichte unserer Gegenwart erzählen die diversen Neuauflagen und Neuausgaben? Welche Bildgeschichten einer Utopie ("Stay hungry. Stay foolish.") lassen sich aus ihnen herauslösen? Und welche Idee von Ware und Konsum vermitteln sie? Was bedeutet es, dass Steve Jobs den "Whole Earth Catalog" als Google im Buchformat bezeichnet hat?

Wintersemester 2013/14

Hochschule für Künste Bremen

The Whole Earth – Ästhetik, Gegenkultur, Ökologie

Je unschärfer die Grenzen sind, die zwischen 'online' und 'offline' noch zu ziehen sind, je weniger bewusst wir uns der Schnittstellen sind, die wir nutzen, um über und in das 'Netz' hinein zu kommunizieren, desto stärker wird auch das historische Interesse an der Geschichte des Internet: Ideologien, Informationstheorien, Interfacedesign ... Eine Urszene des WWW liegt in der kalifornischen Gegenkultur der drogenbesessenen Sixties: Hier erschien unter anderem der "Whole Earth Catalog" von Stewart Brand, der als Zentralfigur sowohl der US-Ökologiebewegung als auch des World Wide Web gilt, dessen Oberflächen nicht zu denken sind ohne die Gegenkulturideologien der psychedelischen Szene. Das Seminar wird versuchen, in ausgewählten Filmen und Texten den Zusammenhang von Ästhetik, Theorien der Gegenkultur, Psychedelik, Ökologie und (als Fluchtpunkt) Technik zu erkunden.


Sommersemester 2013

Hochschule für Künste Bremen
Rebellische Oberflächen – Underground-Ästhetik der Sechziger (& beyond)

In den späten sechziger, frühen siebziger Jahren entwickelt sich – ausgehend von den USA – eine wilde, kartografisch nicht leicht zu erfassende Publikationslandschaft: literarische Zeitschriften, Künstler- und Collagebücher, linksradikale Postillen, Raubdrucke und skurrile Selbstverlagsprodukte. Was sie eint, ist nicht nur der politisch-kulturelle Impuls der Sixties, sondern auch der Versuch, sich dem "bürgerlichen" Kulturbetrieb zu verweigern, sei's in den Inhalten, den Vertriebswegen, den Schreib- und Produktionsweisen oder in der Gestaltung: Bücher, Flugblätter, Zeitschriften dieser Zeit verzichten auf eine professionell durchgestaltete Oberfläche, sie zeigen die Mängel, die Geschwindigkeit, schließlich die persönlichen Obsessionen, mit und aus denen sie entstanden sind. Sie begründen damit auch eine Ästhetik, die in der Fanzine-Kultur des Punk – und darüber bis in die Gegenwart fortwirkt.
Im Seminar wird es darum gehen, diese Ästhetik gewissermaßen an den Oberflächen zu beschreiben, also ganz konkret aus der Gestaltung der Publikationen. Die Basis dazu bilden reflexive, also: theoretische oder programmatische Texte, die innerhalb des "Underground", der "Szene", der "Gegen-" oder »"Alternativkultur" entstanden sind und diskutiert wurden.


Wintersemester 2012/13

Hochschule für Künste Bremen
Underground-Publikationen – Ästhetik und Ideologie

"Underground? Pop? Nein! Gegenkultur!" – so betitelte Rolf-Ulrich Kaiser 1969 seine vielbeachtete "Buchcollage" über die internationale Subkultur der ausgehenden Sixties. Diese Etiketten-Reihe zeigt bereits an, wie umstritten das Terrain war, das in Clubs, auf Konzerten, bei Happenings, vor allem aber in den zahlreichen Publikationen der Subkultur besetzt und erobert werden sollte: Polit-Postillen, Literatur-Zines, Künstlerbücher, Musik-Magazine und Selbstpublikationen aller Art bilden heute ein wort- und bildreiches Archiv des Aufbegehrens und der großen Erwartungen. Das Seminar will einerseits die Ästhetik solcher Veröffentlichungen am konkreten Material erkunden (ihre Collage-Techniken, ihre Inhalte, ihre Herstellung und Distribution), sich andererseits mit Programmtexten befassen, die die ideologische Aufladung solcher "Zines" demonstrieren, ihre Einlassung in ein politisch-künstlerisches Programm der "Gegen-" oder "Alternativkultur".

Universität Bielefeld
Verlagsarbeit: Praxis, Theorie, Geschichte (Blockseminar)

Dieses Seminar soll zweierlei vermitteln: einen Einblick in die konkreten Arbeitsformen eines Verlags und Sensibilität für die Frage, wieso Verlagsgewerbe und Buchhandel funktionieren, wie sie funktionieren. Die Praxis des Büchermachens ist nämlich einerseits angewiesen auf die Abwicklung bestimmter kleinteilig aufeinander abgestimmter Arbeitsschritte (Programmgestaltung, Verträge, Lektorat, Korrektur, Herstellung, Vertrieb, Pressearbeit usw.), andererseits auf die Bereitschaft, Konventionen nicht als Sachzwänge zu begreifen, sondern je nach Bedarf zu erfüllen, zu modifizieren oder zu unterlaufen – dies umso mehr angesichts der unübersehbaren Umbauarbeiten im Verlagswesen. Daher sollen neben der Arbeit an konkreten Materialien (Verlagsverträge, Verteidigungstexte, Vorschauen, Kalkulationen, Exposés usw.) auch Dokumente zur Geschichte des Verlagswesens sowie zum Selbstverständnis von Verlegern durch die Jahrhunderte gelesen und diskutiert werden.

Wintersemester 2010

Universität Hamburg
Mit Bettina Clausen: Formen des Komischen in Arno Schmidts "Schule der Atheisten"

2014. Nur zwei Weltmächte existieren noch: die USA und China. Von Europa, der längst übergeordneten Machtinteressen geopferten "old world", bleibt ein winziges Reservat, brauchbar allenfalls für postkartensüße Urlaubstage oder höchstoffizielle Konferenzen auf neutralem Grund. So wenig schmeichelhaft sie ist, so prophetisch scheint Arno Schmidts 1972 erschienene Science-Fiction-Komödie "Die Schule der Atheisten" heute, ja sie wird fast täglich aktueller. Doch nicht nur durch prognostische Blickschärfe sticht dieses Buch aus der Masse zeitgenössischer Romane heraus, sondern gerade durch seine komische Stoßkraft (und was wäre im deutschen 20. Jahrhundert rarer als gelungene Exempel literarischer Komik?). Schmidt (1914-1979) verknüpft Science-Fiction-Parodie, abgefeimt-dörfliche Komödie, romantisches Märchen und Abenteuerroman, geschult an Jules Verne und Ludwig Tieck, ebenso aber an den Finten und Inszenierungen unserer event- und simulationsbesessenen Gegenwart. An ausgewählten Szenen und in genauer Detaillektüre werden wir der literarischen Hochkomik dieser "Novellen=Comödie in 6 Aufzügen" nachgehen, den Kalauern, Beziehungsscherzen, selbst dem Klamottigen nicht minder als dem Abgründigen, Formsprengenden und literarische Querwege Einschlagenden. Auch "postmodernen" Referenzkünstlern würde schwindlig, wie leichthändig in diesem Buch Genreklischees gewendet, Formen gekreuzt, Zitate arrangiert und Vorlagen umgebaut werden - und wie vergnüglich und frisch sich die dialogisch-erzählende Prosa dieses angeblich "schwierigen" Autors dabei liest.

Sommersemester 2009

Universität Hamburg
Mit Bettina Clausen: E.T.A. Hoffmanns Erzählungen und Märchen (1819–1822)

Gegen den Anschein sind es weniger gattungspoetische Fragen, die im Zentrum der Lehrveranstaltung stehen. Viel mehr wird es darum gehen, die beachtlichen Innovationen der Erzähltexte Hoffmanns lediglich vor dem Hintergrund jenes Formenreichtums transparent zu machen, der sich im Spätwerk zwischen den Polen vordergründig-analytischer und phantastischer Erzählzugriffe ausspannt.
In diesem Kontext wird, exemplarisch, die Gegenüberstellung der nach dem Schema der Detektivgeschichte konstruierten Erzählung "Das Fräulein von Scuderi" mit dem letzten großen Märchen "Meister Floh" erweisen, dass die maßgeblichen Innovationsleistungen primär aus der Konzipierung der jeweiligen Erzähler-, Figuren- und textinhärenten Leser-Rollen zu erschließen sind – und also zu deren Erkenntnis seitens der Seminarteilnehmer nicht nur erzähltextanalytische Kompetenz, sondern auch die Bereitschaft zur Reflexion der eigenen realen Leser-Rolle gleichermaßen stark gefordert sind.

Sommersemester 2008

Universität Hamburg
Mit Andreas Stuhlmann: Von Hamburg nach Haiti – Hubert Fichtes Prosa

Das Werk des Hamburger Schriftstellers Hubert Fichte (1935-1986) ist in den letzten Jahren intensiv diskutiert worden. Grund war neben den Gedenkfeierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag und 20. Todestag vor allem der Abschluss der insgesamt 17bändigen Nachlassedition seines fragmentarischen Großwerks "Die Geschichte der Empfindlichkeit" (1987-2006). Doch auch in den Debatten um die Bedeutung des Begriffs 'Pop' für die Literaturgeschichtsschreibung, um die anthropologische Wende der Literatur wie der Literaturwissenschaft und um die Wechselwirkungen von Literatur und Ethnografie taucht sein Name immer wieder auf, ebenso im Kontext der kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Sub- und Jugendkulturen (etwa der Hamburger Bohème der sechziger Jahre oder der homosexuellen Subkultur). Anlass genug für ein Seminar zum Autor, dessen Fragestellungen sich entlang dieser skizzierten jüngeren Rezeptionsgeschichte entwickeln werden.
Entsprechend gliedert sich das Seminar in drei Blöcke, die das Beleuchten verschiedener Kontexte ermöglichen: Am Anfang steht Hubert Fichtes Roman "Die Palette" von 1968, das literarische Porträt einer Hamburger Subkultur Anfang der Sechziger. Dieser Roman spielt eine besondere Rolle im Kontext der Debatten um Popliteratur, ist zugleich aber das erste Buch, in dem Fichte seine besondere Form autobiografischen, richtiger: autofiktionalen Erzählens entwickelt und als Programm präsentiert. Er eignet sich somit zugleich zur Einführung in die Poetik Fichtes, zur Analyse seiner Darstellung von Subkultur und schließlich zur Prüfung der Valenz von Lektüren, die diesen Roman unter dem Begriff 'Pop' klassifizieren. In einem zweiten Block wollen wir an Hand von Beispielen aus dem Band "Wolli Indienfahrer" Fichtes 'Poetik des Interviews' untersuchen. Hier steht das Spannungsverhältnis von dokumentarischem, journalistischem und literarischem Schreiben im Zentrum. Der dritte Block ist der Ethnografie Fichtes gewidmet. Neben seiner kurzen Poetik ethnografischen Schreibens soll das Haiti-Kapitel aus seinem ersten explizit ethnografischen Buch, dem Band "Xango" von 1976 untersucht werden. Im Mittelpunkt wird die genaue Lektüre dieser Beschreibung afroamerikanischer Kultur und Religion stehen, die Nähe, aber auch Differenz dieses Verfahrens zu den 'Writing Culture'-Debatten der frühen Achtziger, ebenso unter Umständen das Verhältnis des Textes etwa zu dem eng damit verzahnten Roman "Versuch über die Pubertät" und den in ihn eingearbeiteten Radiotexten.

Sommersemester 2007

Universität Duisburg-Essen
Mit Andreas Erb: Erzählformen im gegenwärtigen Comic (Blockseminar)

Grafische Literatur ist wesentlich bestimmt durch die Kombination von sequentiellen Bildern und Texten. Wer Comics liest, muss nicht nur die einzelnen Bilder (Panels) in Verbindung setzen, sondern auch Text und Bild. Um diese spezifische Erzählform – auch im Kontrast zu anderen narrativen Formen – zu analysieren, werden in diesem Seminar vor allem Zeichnerinnen und Zeichner der gegenwärtigen Comicszenen in Europa und den USA herangezogen, die diese Fragen in besonderem Maße ästhetisch reflektieren (in Frage kommen etwa Chris Ware, James Kochalka, Lewis Trondheim, Sascha Hommer, Anke Feuchtenberger usw.). Vermittelt werden sollen dadurch ein Überblick über die aktuell populären Formen grafischer Erzählung und eine Einführung in den literaturwissenschaftlichen Umgang mit dem Medium Comic.

Universität Hamburg
Mit Bettina Clausen: Poetik der Dissonanz: E.T.A. Hoffmanns Roman "Lebens-Ansichten des Katers Murr"

"Keinem Buche", so der fiktive Herausgeber des Kater-Romans ETA Hoffmann, "ist ein Vorwort nötiger als gegenwärtigem." Dass eines nicht reicht, zeigt der Text sogleich mit weiteren, teils tierischen, teils menschlichen Vorreden, dissonant fallen sie einander ins Wort – orientierungsstörend eine "Katzenmusik" also gleich zu Beginn.
Der kunstvoll arrangierte Doppelroman der autobiographischen Kater-Bekenntnisse "nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler" (so der vollständige Romantitel ETA Hoffmanns) stellt in seiner collagiert dissonanten Textorganisation eine hohe und außerordentlich reizvolle Herausforderung zumal für diejenigen Leser bereit, die sich für Textmodelle der Postmoderne interessieren.
Das Erkenntnisinteresse der Textlektüre und -analyse wird sich, über die Untersuchung der Relationen der Doppelbiographie hinaus, darauf zu richten haben, wie tief die Poetik der Dissonanz auch im Arrangement der Nebenhandlungen mit ihren divergierenden Genres und Patterns verankert ist.

Sommersemester 2006

Universität Hamburg
Mit Bettina Clausen: Frühe Prosa Arno Schmidts 1949–1957

Arno Schmidt (1914–1979) wird bis heute gern als literarischer 'Außenseiter' gehandelt: Allzu sperrig erscheinen die Erzählformen schon seiner frühen Prosa, konfrontiert man sie mit den ästhetischen Konzepten jener 'engagierten Literatur', die sich seit Ende der 40er Jahre bis tief in die 50er hinein mit eigenen Formen abarbeitete an den Verbrechen im 'Dritten Reich', am Krieg und an den darin wurzelnden Problemen des Nachkriegs – und dabei fast durchgängig weit zurückblieb hinter ihren vollmundigen Proklamationen einer 'neuen Sprache', einer 'neuen Literatur' nach '45.
Um diese Konstellation anschaulich zu machen, werden im Seminar vier ausgewählte Texte Schmidts – "Leviathan" (1949), "Schwarze Spiegel" (1951), "Aus dem Leben eines Fauns" (1953) und "Die Gelehrtenrepublik" (1957) – im Konnex jeweils zwar zeitgleich entstandener, aber ungleich populärerer, teilweise noch immer als kanonisch geltender Texte gelesen. Im Kontrast zu repräsentativen Textmodellen von u.a. Andersch, Böll, Heißenbüttel und Weyrauch soll die normabweichende Prosakunst des Autors Arno Schmidt erzähltexttheoretisch und in ihren literaturpolitischen Dimensionen sondiert werden.
Wir laden damit ein zu einer Nachprüfung der literaturgeschichtlichen Konstruktion der 'Stunde Null' – und zur Frage, mit welchem Recht auch die frühe Prosa Arno Schmidts ihren Rang im literarhistorischen Kontext, gerade aber auch in der Gegenwart, behauptet.